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Gothic Chess
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Von Stephan Börner
Veröffentlicht am 20.01.09
 
Gothic Chess ist eine in den USA patentierte Evolution des Schachspiels, die trotz kommerziellem Charakter eine sehr treue und langsam wachsende Fangemeinde hat. Zunehmend wird das Spiel auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz beliebt.

Einführung
Gothic Chess ist eine in den USA patentierte Evolution des Schachspiels, die trotz kommerziellem Charakter eine sehr treue und langsam wachsende Fangemeinde hat. Zunehmend wird das Spiel auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz beliebt.

Sie gehört in der Schachklassifizierung zu den Schachvarianten, wenngleich seine Anhänger es bereits als das neue eigentliche Schach ansehen, und folgerichtig das bisherige Schach als dessen Unterform auf verkleinertem Spielfeld. Die aktuelle Popularität und Bekanntheit spricht aber eindeutig für Gothic Chess als eine untere Variante.

Regelunterschiede

  • Es wird auf 10x8 (Breite mal Höhe) Feldern gespielt.
  • Zusätzliche Figuren im Vergleich zu klassischem Schach wie es sich seit 1700 etabliert hat:
    • Kanzler
    • Kardinal (auch Janus, Archbishop)
Der Kanzler darf sich bewegen wie ein Turm und ein Springer. Der Kardinal darf sich wie Springer und Läufer bewegen.

  • Eine ganz wesentliche Bedeutung kommt beim Gothic Chess der immer gleichen Startaufstellung zu. Rochade, Schlagen en passant und Figurenverwandlung wurden von klassischen Schach übernommen und falls nötig minimal im Ausmaß angepaßt.

Geschichte
Entscheidender Vordenker des Spiels war José Raúl Capablanca, Schachweltmeister 1921-1927, der bereits die neuen Figuren Kanzler und Kardinal als Kombination bisher bekannter einführte. Sein Capablanca-Schachspiel, Endfassung um 1940, behielt jedoch einige Schwächen, und sollte von nun an ein Nischendasein führen, andererseits aber auch niemals nahezu aussterben, wie so viele Schachvarianten zuvor und danach.

Auf Gothic Chess mit einer anderen Startaufstellung gibt es seit 2002 ein US-Patent, ein Weltpatent befindet sich in Anmeldung, die Schrift besteht aus einer recht erheblichen Seitenanzahl mit Figurenwertberechnungen wie auszugsweise zur Verdeutlichung ohne tieferen Zusammenhang zitiert "8/(rf - 1) + (16 - 12r - 12f)/[(rf)(rf - 1)]". Der Neuerfinder des Spiels, Ed Trice, ist 2004 immernoch weltstärkster Gothic Chess Spieler, obwohl sich dem Spiel zumindest zeitweise auch schon eine ganze Reihe von internationalen Schach-Großmeistern gewidmet hat. Inzwischen gibt es nicht unerhebliche digitale Literaturbestände beispielsweise für Eröffnungsbibliotheken. Für Anfänger ist Gothic Chess besonders geeignet, weil es grobe Positionierungsfehler in ihrem Einzelfall nicht so früh bestraft wie die klassischen Regeln es tun.

Partieverlauf, Strategie, Figurenwert und Kombinationen

Schon die seit über 300 Jahren populärste Form des Schachspiels mit Jahrtausende alter Tradition ist auf absehbare Zeit auch von den weltbesten Hochleistungscomputern in ihrer vollen Tiefe nicht einmal nur annähernd erfaßbar. Gothic Chess bietet noch viel mehr theoretische Möglichkeiten. In der Praxis führt dies aber nicht zu längeren Partien, jedoch zu subjektiv abwechslungsreicheren Partien und zu einer merklich "unendlicheren" Möglichkeitenvielfalt bezüglich der strategischen Vision.

Dem nicht widersprechend werden Partien taktischer geprägt (vgl. Taktik und Strategie unter Schach), denn es gibt mehr Figuren die drohen, auch wenn sie gar nicht von menschlicher Hand berührt werden. Gothic Chess belohnt materielle Opfer und risikofreudige Königsangriffe öfter, zum Bepiel weil man nach Verlust der Dame immernoch eine starke Turmlinie besitzen kann oder der Archbishop ein Läufer ist, der die Farbe wechseln kann. Im frühen Anfangsstadium einer Partie steht der König insbesondere bei offensivster Eröffnung entschieden sicherer als beim klassischen Schach.

Noch stärken als beim klassischen Schach, wie es seit 1700 ganz überwiegend gespielt wird, variieren die Figurenwerte je nach Spielphase und Stellung natürlich erheblich. Trotzdem kann man sich als Anhaltspunkt an folgenden Werten orientieren, die aus einer Reihe von Parametern und deren Gwichtung theoretisch abgeleitet und einem vernünftigen Abtauschverhalten angelehnt gerundet wurden. In Klammern zum Vergleich der Wert auf acht mal acht Feldern: Bauer 1.00 (1.00), Springer 2,5 (3,0), Läufer 3 (3.25), Turm 4,75 (5,0), Kardinal 6.5 (nicht vorhanden), Kanzler 8,25 (nicht vorhanden), Dame 8,75 (9,00). Die höheren Ansprüche an die kurzfristige Taktik können für Anfänger zum Problem werden, sie sind aber durchaus für die allermeisten Spieler recht gut meisterbar. Gerade im vielfältigen Zusammenspiel verschiedener Figuren ergeben sich immer wieder ganz neue Szenerien. Der frühe Abtausch der Dame führt nicht zu einer höheren Remisequote unter ähnlichstarken Spielern.

Lehren aus Weltmeisterschaften
Die Meisterschaften finden ohne besondere Medienaufmerksamkeit außerhalb der international gestreuten Schachszene noch untypisch online statt, aber mit anzahlmäßig mehr qualifizierten Teilnehmern. Es wird nach Schweizer System gespielt, das heißt die Schwächsten spielen am wahrscheinlichsten gegen die Schwächsten. Die Preisgeldentwicklung ist exorbitant auf niedrigem Nivau, 2004 geht es um 17.000 Dollar. Üblich sind sehr begeisterte Zitate von Großmeistern über die Schachvariante Gothic Chess, während die selben Personen andere Varianten als nachteilig und nicht wirklich königlich betiteln. Dabei fallen besonders oft Worte wie "belanced sides", dynamisch, offensiv, Überraschung, verteidigte Bauern, hohe Mobilität, Gegner-Konfusion, Schwarzquote, Teamwork.

Das längste bekannte Matt

Es gibt eine von einem kombinierten Hochleistungscomputer gefundene spezielle Stellung mit König, Dame, Bauer gegen König und Dame, in der dauert das erzwungene Matt sage und schreibe 268 Züge. In der Praxis ergeben sich solche Extremstellungen so gut wie nie, man sollte sie aber kennen. Es gilt die 50-Züge-Regel aus dem klassischen Schach. Das wahrscheinlich allerschwierigste Endspielmatt ist das seltene König + Kardinal versus. König + Läufer + Springer - Matt. Unter praktisch kaum anzutreffenden Randbedingungen können zwei Springer matt setzen. Es dauert je nach Stellung etwas weniger als 30 Züge mit König und Dame König und Kanzler zu bezwingen. Es sei aber noch einmal darauf hingewiesen, daß die Unentschiedenquote deutlich geringer ist als beim klassischen Schach wie auch geringerermaßen und zunächst überraschend die Anzahl der Züge pro Partie.

80 Bit Gothic Chess Computer 2004
Die 30-Tage-Version 1.0.3 des Gothic Chess Programms "Gothic Vortex" spielet schon Partien auf sehr hohem Niuveau, die sich unter anderem speichern lassen. Version 1.2, Shareware, bietet unter anderem mehr Spielniveaulevels, nun auch von Neulinge schlagbare, und ein besseres Design.

Zu erwartende Entwicklungen

Erfahrene Schachspieler sind nach etwa einer Woche täglichem Spiel mit den neuen Figuren und ihren Möglichkeiten mehr oder weniger vertraut. Wer Gothic Schach erlernen will, kommt, was das reine Regelwerk angeht, an klassischem Schach nicht vorbei und wird schon wegen dessen Verbreitung und Tradition immer wieder darauf zurückgreifen.

Andererseits wird bisher keiner anderen Schachvariante von ihren Anhängern so ein Alleinstellungscharakter und eine Intuitivität bescheinigt. Die Kommerzialisierung ist weniger eine materiell für die meisten schwer zu überwindende als eine "ideologisch-philosophische" Barriere, verschafft bisher aber wiederum einmalig in der Wahrnehmung besondere Aufmerksamkeit. Der Erstauthor dieses library-Beitrages hatte zunächst erheblichste Zweifel an der Patentwürdigkeit von Gothic Chess, hat seine Meinung jedoch geändert. Ob dies einer Mehrzahl an Nutzern so gehen wird, steht noch nicht fest, wird aber vielleicht Einfluß auf die Popularität des Spiels haben.

Gothic Chess, dessen Patent 2022 auslaufen wird, steht in Wettbewerb um Popularität besonders mit dem Vorläufer Capablanca Chess und Janus Chess, weniger mit noch tieferen Spielen wie Unicorn Chess, die sich bereits als unfassbar komplex ohne populären Mehrwert erwiesen haben. Anerkannter Schachtheorie folgend ist Gothic Chess diesen Varianten klar überlegen, was in jüngster Zeit mathematisch immer deutlicher belegt werden kann. In einer Zeit, in der der weltbeste menschliche Spieler langsam aber sicher des öfteren gegen die besten Schachcomputer verliert, wird Gothic Chess wahrscheinlich "unverzichtbarer" Bestandteil der Schach- und Informatikwelt werden.

Typische Blitzschach-Kombinationen

Links sehen wir ein Spiel über 39 Züge. Zu Beginn wird auch dem Neuling die Komlexität schon auf taktischster Ebene offenbar. Schwarz spart hier die Zeit zur Entwicklung der eigenen Springer, opfert einen davon für zwei Bauen und gewinnt am Ende noch derselben taktischen Kombination einen Turm. Weiß gelingt es aber den Herrscher in eine Situation zu rochieren, die trotz des materiellen Vorteils für Schwarz lang uneinnehmbar scheint. Unter Zeitdruck erwirbt Weiß eine zweite Dame und verliert links.

Schwarz gewinnt bei diesem besonders kurzen Spiel rechts, einem der ersten Gothic-Chess-Spiele-überhaupt, nach nur 17 Zügen. Geopfert werden in Reihenfolge Läufer, Turm und Dame. Weiß verschwendet allein links oben fünf Springerzüge mit dem Gewinn einen Turmes in großer Entfernung des eigentlichen kriegerischen Geschehens rechts unten auf dem Spielfeld.

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