Antisemitische Positionen werden aber durchaus nicht nur von der rechten Szene vertreten, sondern auch von der Linken. Die Vorstellung von einem internationalen, jüdischen Kapitalismus ist nicht nur in rechts-, sondern auch in linksradikalen Kreisen verbreitet. Der historische Umbruch innerhalb der bundesdeutschen radikalen Linken kann hier im Ausbruch des Sechstagekriegs gesehen werden. In der Folge verknüpften sich antiimperialistische Ideologieversatzstücke mit einem spezifisch deutschen "sekundären Antisemitismus", der immer wieder Parallelen von der israelischen "Besatzungsmacht" zu den Nationalsozialisten zog. Es kam zu Aufrufen wie "Boykottiert Israel" (so zum Beispiel lange Zeit auf einer Häuserfront der besetzten Hamburger Hafenstraße zu bewundern), was viele Leute an das "Deutsche, kauft nicht bei Juden" der Nazis erinnerte. Bei Flugzeugentführungen durch terroristische, deutsche linksradikale Gruppen (RZ) kam es gar zu "Selektionen" von israelischen Passagieren. 1991 beteiligten sich deutsche Militante - darunter das mutmaßliche RAF-Mitglied Andrea Klump - an einem Bombenanschlag in Budapest auf russische Juden. Bis heute operiert ein Teil der antiimperialistischen Linken immer wieder mit Versatzstücken des "klassischen" Antisemitismus bei ihrer Verurteilung der israelischen Sicherheitspolitik. In der globalisierungskritischen Bewegung kommt - von bürgerlichen bis hin zu radikalen Gruppen - oftmals eine personalisierende und strukturell antisemitische "Kapitalismuskritik" zum Einsatz. ("raffendes" versus "schaffendes" Kapital, die so auch im Parteiprogramm der NSDAP zu finden war ("Brechung der Zinsknechtschaft")) Auch der Antisemitismus in der Linken hat weit zurückreichende Wurzeln. Schon im 18. Jahrhundert haben Sozialisten genauso wie Konservative antisemitische Ressentiments benutzt, um gegen den verhassten Manchesterliberalismus zu polemisieren.