Wald im freien Germanien
Publius Cornelius Tacitus beschrieb das freie Germanien (Germania magna) im 1. Jahrhundert als "terra aut silvis horrida aut paludibis foeda" - ein Land, bedeckt von schrecklichen Wäldern oder abscheulichen Sümpfen. Tacitus mediterrane Heimat war zu diesem Zeitpunkt bereits Jahrhunderte Kulturlandschaft, der Wald für Felder, Obstanlagen und Städte gerodet, zu Schweigen vom Holzbedarf für Hausbrand und Flottenbau. Ein Land, dessen Fläche zu vermutlich 70% mit Wald bedeckt und klimatisch abweisend war, beeindruckte römische Beobachter offensichtlich. In der Namesgebung kommt dies zum Ausdruck. Gebirgszüge wie der Schwarzwald hießen Silva Abnoba, nicht Mons Abnoba.
Es kann davon ausgegangen werden, daß in dieser Zeit unwegsame Mittelgebirgszüge von menschlicher Einflussnahme noch weitgehend verschont waren. Aber auch in den Ebenen gab es noch große, zusammenhängende Waldgebiete. Diese fanden sich vor allem zwischen den Siedlungsgebieten der germanischen Stämme und wurden zur gegenseitigen Abgrenzung respektiert.
Als Siedlungsräume kamen flussferne Auengebiete und Wälder auf reichen Böden in Frage. Eingriffe fanden zuerst natürlich durch den direkten Siedlungsbau statt; es erfolgte dann die Rodung für Ackerbau und Weideland. Holzentnahme für Feuerung führten infolge um die Siedlungsbereiche zu weiterer Ausdünnung der natürlichen Bestände. Verschiedene Nutzungsformen wie Waldweide begünstigten masttragende Baumarten wie Eiche (Quercus) und Buche (Fagus). In der Nähe von Erzabbaugebieten wurden vermutlich im großen Umfang Buchenbestände gefällt, da Feuer aus Buchenholzkohle zur Bearbeitung des Metalls notwendig war.
Feste Städte und Dörfer waren im freien Germanien jedoch eher eine Seltenheit. Siedlungen wurden nach einiger Zeit durchaus aufgegeben und vielen der Sukzession anheim. Hier konnte sich eine naturähnliche, nicht natürliche, Vegetation wieder entwickeln.
Wald im römisch besetzten Germanien
Der Wald im römisch besetzten Germanien (Provinzen Germania Superior und Inferior) wurde weit intensiver genutzt als im unbesetzten Teil. Schon für den Städtebau (z.B. Mainz, Trier, Köln, Xanten) wurden entsprechende Holzmengen benötigt. Für den Hausbrand und den Betrieb der Bäder mit ihren aufwendigen Bodenheizungen und Warmwasserbecken mußten stetig große Holzmengen bereitgestellt werden. Nachdem die Eroberung Germaniens fehlgeschlagen war (Niederlage des Varus) verlegten sich die Römer auf eine Defensivstrategie. Wieder wurden große Mengen Holz benötigt. Mit dem Bau des über 500 km langen Limes, der überwiegend ein Holz- denn ein Steinwall war, wurde eine breite Schneise in die Wälder geschlagen, Holz für Palisaden- und Turmbau benötigt. Die römischen Konstrukteure achteten darauf, so gut wie möglich der Geländeform zu folgen und mit dem Limes fruchtbare Böden einzuschließen. So lag die Mainz gegenüberliegende, fruchtbare Wetterau innerhalb Limes, die armen mit Kiefern bestockten Keuperböden südlich des Odenwaldes jedoch außerhalb. Die auf den nährstoffreichen Böden stockenden Buchen- und Eichengesellschaften mußten meist dem Feldbau und der Weidewirtschaft weichen. Auf einigen Standorten entstanden Gras- und Zwergstrauchheiden, die sich bis in unsere Zeit erhalten haben.
Von den Ebenen mit ihren unberechenbaren Flüssen hielten sie sich ebenfalls fern. Die flussfernen Erlenbrücher (Alnus glutinosa) wurden jedoch oft in Weideland umgewandelt.
Die Römer mieden auch geschlossene Nadelwälder für ihre Siedlungen, allenfalls Mischwaldgebiete waren für sie noch attraktiv. Sie schätzten jedoch Nadelholz, besonders das der Weißtanne (Abies alba), für Konstruktion und Schiffbau. Tannenholz wurde in allen erreichbaren Lagen geschlagen und auch weite Wege transportiert (Trift). Dadurch wurde der natürliche Bergwald in Teilen der Alpen, des Schwarzwaldes und der Vogesen entmischt.
Die Römer brachten aber auch aus dem Mittelmeerraum vertraute Baumarten mit nach Germanien, so Esskastanie (Castanea sativa), Roßkastanie (Aesculum hippocastaneum) und Nuß (Juglans regia). Diese Arten waren während der Eiszeit in Nordeuropa ausgestorben. Die Bäume wurden wegen ihrer Früchte geschätzt. Daneben nutzte man das robuste Holz der Esskastanie im Rebbau.
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=Wald während der Phase der Völkerwanderung
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Dem ständig wachsenden Druck der germanischen Stämme gaben die Römer schrittweise nach. Zuerst wurden die rechtsrheinischen Siedlungen nach der Niederlage des Varus aufgegeben. Seit dem 2. Jahrhundert durchstießen einige Völker bereits die Grenze (Markomannen, Langobarden). Im 4. und 5. Jahrhundert überwanden die germanischen Völker auch die letzten Reste des Limes. Pollenanalysen aus dieser Zeit belegen, daß der Ackerbau in weiten Teilen zum Erliegen kam. Aufgegebene römische Kastelle und Gutshöfen wurden wieder Waldland. Die Siedlungsweise im ehemals besetzten Teil veränderte sich. Dauerhafte Siedlungen wurden zugunsten der halbsesshaften Besiedlungsform aufgegeben. War der Wald und Boden um eine Siedlung erschöpft, zogen die Bewohner weiter. Mit der abnehmenden Siedlungsdichte begann auf vielen Flächen wieder eine Sukzession von Waldgesellschaften, die durch das Wirtschaften der römischen Siedler stark beeinflusst worden ist. Die Pollenanalysen aus dieser Zeit zeigen auch, daß die Buche (Fagus sylvatica) sich wieder stark ausbreitete. Zum einen in den von Römern verlassenen Gebieten zum anderen entlang der polnischen Ostseeküste und nach Südschweden.
Die römische Kolonisierung war ein erster, sehr einschneidender Eingriff in die Waldgesellschaften Mitteleuropas. Es blieben waldfreie Zonen, die sich von der Beweidung nicht mehr erholten, das Artengefüge in vielen Waldgesellschaften war durch die selektive Nutzung gestört und eingeführte Arten wurden Bestandteil der Vegetation.