deol.de - http://www.deol.de
Geschichte des Waldes in Mitteleuropa: Waldentwicklung im Mittelalter
http://www.deol.de/articles/2375/1/Geschichte-des-Waldes-in-Mitteleuropa-Waldentwicklung-im-Mittelalter/Seite1.html
Von Tobias Feld
Veröffentlicht am 22.01.09
 
Mit den Wirrnissen der Völkerwanderungszeit breitete sich der Wald in Mitteleuropa wieder aus. Auf den Kulturflächen der römischen Kolonisation konnte der Wald oft wieder Fuß fassen.

Waldflächenanteil
Mit den Wirrnissen der Völkerwanderungszeit breitete sich der Wald in Mitteleuropa wieder aus. Auf den Kulturflächen der römischen Kolonisation konnte der Wald oft wieder Fuß fassen. Erst am Ende der Völkerwanderungszeit nahm die Besiedlungsfläche wieder zu, vor allem auf ackerbaulich geeigneten Böden entstanden bald gefestigte Strukturen. Zwei intensive Rodungsperioden lassen sich unterscheiden. Die erste dauerte von etwa 500 bis etwa 800 und die zweite von etwa 1100 bis etwa 1300, dem Beginn der Krise des 14. Jahrhunderts. Vor allem in der ersten Rodungsperiode zur Zeit der Karolinger wurden die bereits von den Römern erschlossenen Gebiete wieder besiedelt. Danach wurden vor allem gut erreichbare und nährstoffreichere Böden besiedelt. Die hohen Mittelgebirgszüge blieben in dieser frühen Phase menschenleer. Erste dauerhafte Siedlungen lassen sich im Schwarzwald z.B. erst ab etwa 1000 nachweisen, auch der Harz war zu dieser Zeit nur von schwer begehbaren Pfaden durchzogen. Aber auch stromnahe Auwälder (z.B. am Rhein) blieben aufgrund der Unberechenbarkeit der Flüsse noch erhalten. Die flußfernen Teile der Aue wurden hingegen genutzt. Nach dem Jahr 800 stockte die Besiedlung und Rodung der Wälder in Mitteleuropa. Bedingt durch Seuchenzüge und dem Einfall fremder Völker (im Norden Normannen, im Süden Magyaren) stieg die Bevölkerungszahl nicht wesentlich an.

Ab 1100 setzte die letzte große Rodungsperiode ein. Menschlichen Besiedlungen drangen nun auch in entlegenere Täler der Mittelgebirge vor. Waldflächen wurden bis 1300 gerodet bzw. landwirtschaftlich so intensiv genutzt, das sie ihren Waldcharakter verloren. Mit Ende des 14. Jahrhunderts hatte sich ein Verhältnis zwischen Kultur- und Waldfläche gebildet wie es ungefähr auch dem heutigen entspricht.


Waldnutzung
Mast Im Mittelalter war v.a die Schweinemast eine weitverbreitete Nutzung der Wälder. Die Tiere wurden in den Wald getrieben und lebten das Jahr über von den Samen der "fruchttragenden" Bäume (ligna fructifera). Dies waren Eichen, Buchen, Nuß, Wildobst und Kastanie. Die so genutzten Baumarten genossen einen besonderen Schutz, ihr Aushieb war vielerorts ohne Genehmigung verboten. Die Mastbäume wurden dazu freigestellt, damit sie eine breite Krone mit entsprechenden Früchten entwickeln konnten. Die Hausschweine kreuzten sich bei dieser Lebensweise mit den Wildschweinen, was noch heute in der Fellzeichnung mancher Wildsauen zu erkennen ist.

Großviehweide Neben Schweinen wurde auch regelmäßig Großvieh (Rind, Pferd) in den Wald eingetrieben, mit deutlich negativen Folgen für die Waldgesellschaften. Anders als bei der Schweinemast, bei der der Waldcharakter erhalten blieb, wurde Wald durch den Verbiß und Tritt der großen Haustierarten zerstört. "Überweidete" Wälder verwandelten sich schnell in Gestrüpp. Kahle Höhenzüge wie z.B. der Felberg im Schwarzwald gehen auf die im Mittelalter begonnene Beweidung zurück.

Waldweide Besonders verhängnisvoll wirkte sich der Eintrieb von Schafen und Ziegen aus. Vor allem letztere kann durch ihre Kletterfähigkeiten auch ältere Bäume zerstören. Ihr Eintrieb war deshalb auch schon in frühen Forstordnungen verboten. Über das Verbot wurde sich oft hinweggesetzt, da Ziegen und Schafe als Haustiere der ärmeren Bevölkerungsschichten einen nicht unerheblichen Anteil zu deren Lebenssicherung beitrugen.

Zeidelweide Die Bienenzucht stellte im Mittelalter eine herausragende Waldnutzung dar, war Honig bis ins 19. Jahrhundert doch der einzige Süßstoff für Speisen. Dementsprechend hoch wurden die Rechte zur Bienenzucht gehandelt. Erwähnt wird diese Nutzung z.B. im Nürnberger Reichswald. Die Existenz von Zeidlerbetrieben stellte den Schutz des Waldes sicher. Insbesondere Baumarten wie Linde, Salweide, Tanne, aber auch Kiefer wurden durch diese Wirtschaftsform begünstigt.

Waldfeldbau Regional verschieden ist der Waldfeldbau ab dem 11. Jahrhundert entstanden. Diese Wirtschaftsform wurde etabliert, nachdem die besseren Böden für die Landschaft bereits erschlossen waren. Für diese Art der landwirtschaftlichen Zwischennutzung prägten sich eine Vielzahl Varianten aus, die sich auch in der Namensgebung niederschlägt. Hackwald, Hauberge, Reutberge, Birkenberge und Schiffelland sind die geläufigsten Bezeichnungen. Die Bedeutung dieser Wirtschaftsform nahm in der vorindustriellen Zeit noch zu. Sie wurde stetig verfeinert und bildete ein ausgeklügeltetes System aus forstlichen Nebennutzungen (Lohrinde), Brennholz und Ackerbau.

Harznutzung Diese Nutzungsform ist eine der ältesten Waldgewerbe. Geeignet sind Nadelbäume, wobei Fichte und Kiefer bevorzugt worden. Auch diese Form der Waldnutzung ging mit erheblichen Zerstörungen einher. Zuwachsverluste und Schwächung der Vitalität ganzer Bestände waren die Folge. Daher war Harzgewinnung schon früh nur in den Beständen erlaubt, die nicht gut haubar, also flußnah lagen. Da Harz jedoch ein beliebter Grundstoff war, setzte man sich allenthalben über das Verbot hinweg.

Brennholz Holz ist auch heute noch einer der wichtigsten Energieträger des Menschen. In Mitteleuropa wurde er im Laufe des 19. Jahrhunderts durch Kohle ersetzt. In der mittelalterlichen Brennholznutzung lassen sich zwei Arten unterscheiden – siedlungsnah und siedlungsfern. Siedlungsnah hatte nur eine Nutzung uneingeschränkte Priorität, nämlich Feuerholz für den Hausbrand. Eine Reihe vorindustrieller Produktionen bedurften Holzfeuer als Energiequelle oder Rohstoff, nämlich Köhlerei, Glashütten, Salinen und Bergwerke nebst der angeschlossen Hammerwerke.

Hausbrand Vor allem Buchen, Hainbuchen und Eichen waren als Feuerholz geschätzt. Um Siedlungen nahmen Waldbestände stetig ab. Der Holzverbrauch war enorm hoch, da die Ofen- und Kamintechnik nicht sehr fortgeschritten war. Gerade auf Burgen und Schlösser war der Holzbedarf außergewöhnlich hoch. Mit zum rapiden Brennholzverbrauch hat auch die Badelust im Mittelalter beigetragen. Die Auswirkung der Brennholznutzung dokumentiert der Zustand des Nürnberger Reichswald. Bereits um 1300 durch Brennholznutzung weitgehend devastiert, sah sich der einsessigen Geschäftsmann Peter Stromer zur künstlichen Saat von Bäumen veranlasst, um der Holznot entgegenzutreten.

Köhlerei Die Köhlerei wurde in allen Waldungen betrieben, wobei man in siedlungsnäheren Wäldern stärker auf Brandschutz achtete und auch nur minderwertiges Holz verwendete. In siedlungsfernen Wäldern fielen diese Beschränkungen jedoch. Meist folgte die Köhlerei kleinen Flüssen und Bächen, die zum Transport der Kohle genutzt wurden. Im Mittelalter wurden ausschließlich Erdmeiler zur Produktion verwendet

Glashütten Glas wurde im Mittelalter sehr geschätzt und entsprechend wertvoll. An Glashütten waren oft kleine Siedlungen gebunden in denen die Familie der Glasbläser wohnten. Glashütten zeichneten sich durch einen besonders intensiven Holzverbrauch aus und werden in zeitgenössischen Berichten oft als „holzfressendes Gewerbe“ bezeichnet. Glashütten folgten Köhlereien und Aschenbrennern, die wichtige Grundstoffe für die Glasherstellung lieferten. Dabei wurden 90% des verbrauchten Holzes für Pottasche, den wichtigsten Grundstoff der Glasherstellung benötigt, die übrigen 10% für die eigentliche Glasschmelze. Glashütten erlebten erst nach dem 30-jährigen Krieg Ihren eigentlichen Aufschwung. In manchen Gebieten mußte die Produktion niedergelegt werden, da kein Holz mehr verfügbar war. Fest steht, daß dieses Gewerbe zur Zerstörung auch der entlegensten Gebirgswälder beitrug.

Salinen Im späten Mittelalter gingen die meisten Salzvorkommen in den Besitz der Landesfürsten über. Damit begann ein hemmungsloser Abbau dieses wichtigen Wirtschaftsgutes. Für diesen Abbau waren große Holzmengen vonnöten, sowohl für den Stollenbau als auch für die Sudpfannen. Letztere verbrauchten den größeren Holzanteil. Wie verheerend sich die Salzgewinnung für einige Landschaften auswirkte, zeigt das Beispiel Stadt Lüneburg. Vor dem Salzfund von dichten Wäldern umschlossen wurden im Verlaufe des Salzgewinnung sämtliche Waldungen gerodet. Zurück blieb eine Landschaft, die durch weitere Bodennutzung (Plaggenwirtschaft) auf das Äußerste zerstört wurde.

Bergwerke Der Bergbau setzte drei natürliche Gegebenheiten voraus, zum ersten natürlich das Vorkommen von Erzen, zum zweiten große Waldungen aus denen Grubenholz und Holz zur Kohleproduktion gewonnen werden konnte und zum dritten mußte Wasserkraft in Form von Bächen und Flüssen vorhanden sein. Die Verhüttung erfolgte in der Nähe der Schürforte statt. Für den Harz wird Bergbau bereits im 10. Jahrhundert erwähnt. Da der Bergbau große Holzmengen erforderte, machte man sich frühzeitig Gedanken um eine geregelte Nutzung. Schon zum Ausgang des Mittelalters fanden erste Taxationen von Wäldern für die bergbauliche Nutzung statt. Wälder in Bergbaugebieten genossen einen besonderen Status. Ihre vorrangige Verwendung für die Erzgewinnung wurde früh festgelegt.

Nutzholz und Flößerei Bau- und Konstruktionsholz wurde schon früh aus verschiedenen Teilen Europas exportiert. Beliebte Hölzer wie Eiche und Nadelhölzer wurden beurkundet seit dem 13. Jahrhundert über Flüsse und Ostsee geflößt. Eine besondere Stellung hatte die Eibe, die wegen ihrer hervorragenden Eigenschaften (Biegefestigkeit) bei den Waffenherstellern sehr beliebt war. Zur Herstellung von Bögen (englischer Langbogen) wurden in Österreich ganze Eibenbestände gerodet. Die Baumart war bei den Fuhrleuten verhasst, da ihre Zugtiere durch den Genuß der Früchte starben. Entlang der Transportwege wurde die Eibe von ihnen systematisch bekämpft. Übernutzung und systematische Bekämpfung hatten zur Folge, daß Eiben heute nur noch in buschförmigen Phänotypen vorkommen.

Zusammengefasst lassen sich die Folgen der mittelalterlichen Waldnutzung so beschreiben: Vor allem durch die Brennholznutzung wurden in beträchtlichem Maße viele geschlossene Waldgesellschaften zerstört. Auch entlegenste Waldgebiete wurden genutzt. Zurück blieb eine Landschaft, deren Störungen noch heute erkennbar sind, so an kahlen Bergrücken, Heidelandschaften und der Baumartenverteilung in den mitteleuropäischen Wäldern.