Das medizinische Modell stellt derzeit das beherrschende Erklärungsmuster von Krankheit dar.
Historisch entwickelte es sich seit dem Ausgang des Mittelalters und dem Erscheinen des Ärztestandes und dem Aufkommen der wissenschaftlichen Ausbildung der Ärzte. Krankheit geriet immer mehr in den Zuständigkeitsbereich des Arztes und wurde immer weniger als eine Angelegenheit der Kirche oder Seelsorge, der Familie und des Individuums betrachtet. Mit den Erfolgen der wissenschaftlich begründeten Medizin bei der Bekämpfung der Infektionskrankheiten im 19.Jhd. setzte sich das medizinische Krankheitsmodell bis zum letzten Viertel des 20. Jhds. in den westlichen Industrienationen fast konkurrenzlos durch.
Das medizinische Erklärungsmodell basiert auf der Annahme einer bestimmten und erkennbaren Ursache für jeder Erkrankung. Die Ursache führt zu einer Schädigung von Zellen oder Gewebe oder zu einer Disregulation von mechanischen oder biochemischen Prozessen. Aufgrund der äußeren Anzeichen einer Krankheit(Symptome) können wissenschaftlich ausgebildete Ärzte eine Diagnose erstellen und eine Therapieempfehlung aussprechen. Die Krankheitsverläufe sind beschreibbar und vorhersagbar und verschlimmern sich ohne medizinische Intervention. Die Therapien basieren vornehmlich auf Maßnamen der mechanischen Korrektur, strahlentechnischer Intervention, biochemischer Bekämpfung von Erregern, der Substitution von körpereigenen Stoffen und der Beeinflussung des Stoffwechselgeschehens durch Zuführung von bestimmten Substanzen.
Das Erklärungsmodell basiert somit auf der Annahme eines Ursache-Wirkungs-Zusammenhangs auf der körperlichen Ebene. Die Ursache wird zunächst, abgeleitet aus der Erforschung der Infektionskrankheiten, als ein Eindringen oder Einwirken einer äußeren Ursache (Mikroorganismus, Verletzung) verstanden. Später wurde im Zuge der Erforschung von Stoffwechselerkrankungen auch Fehlfunktionen interner Steuerungsmechanismen als Erkrankungsursache angesehen.
Mit der zunehmenden Verbreitung sog. Zivilisationskrankheiten sowie chronischer Erkrankungen in den Industrienationen gegen Ende des 20 Jhds. regte sich immer mehr Kritik an diesem Erklärungsmodell von Krankheit. Vertreter der "Alternativmedizin" kämpften um eine Erweiterung der Sicht von Krankheit und um ein seriöses Image alternativer Heilweisen. Anderen schien besonders die Verknüpfung der "Schulmedizin" mit der Pharma- und medizinischen Geräteindustrie und ihr staatlich sanktionierter Alleinvertretungsanspruch verdächtig. Die Schulmedizin integrierte ihrerseits im Zuge der sich entwickelnden medizinischen Forschung und angesichts des vermehrten Auftretens chronischer und altersbedingter Krankheitsbilder zusätzliche Erklärungsansätze in das medizinische Modell. In den Grundannahmen aber blieb es als herrschendes Paradigma erhalten.
In der Diskussion um das medizinische Krankheitsmodell werden folgende
Kritikpunkte formuliert:
- Das medizinische Krankheitsmodell ist in der Sichtweise beschränkt und berücksichtigt nur einen Teil der Krankheitsursachen. Problematisch ist dabei das Übertragen des beschränkten Ursache-Wirkungs-Schemas auf funktionelle und psychische Störungen, sowie die gegenwärtigen chronischen Zivilisationskrankheiten (Arthrose, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs usw.), die nur teilweise erklärt und behandelt werden können. Ebenso bleiben psychosoziale Einflussfaktoren auf den Verlauf von Krankheiten, auf Gesundung und Rehabilitation außer Betracht.
- Das medizinische Krankheitsmodell ist ineffektiv in der Heilung von Erkrankungen. Zur Begründung werden statistisch signifikante Zusammenhänge zwischen der allgemeinen Gesundheitsverbesserung im letzten Jahrhundert und den Verbesserungen in der Ernährung, den Umwelt- und Lebensbedingungen sowie im individuellen Gesundheitsverhalten angeführt.
- Die Möglichkeiten der Prävention bleiben außerhalb des Blickfeldes. Medizinische Intervention wird erst dann als notwendig erachtet, wenn eine Erkrankung bereits manifest geworden ist.
- Das medizinische Modell der Krankheit festigt die Dominanz der Ärzte im Gesundheitswesen. Andere Gesundheitsberufe sind weisungsabhängig oder werden verdrängt.
- Das medizinische Krankheitsmodell führt zur Medikalisierung sozialer und gesellschaftlicher Probleme.
- Die Vorherrschaft des medizinischen Krankheitsmodells führt zur Ausblendung und Inkaufnahme vielfältiger Nebenwirkungen von medizinischen Maßnahmen.
- Die medizinische Krankheitssicht führt zu Verdeckung und Stützung der Allianz zwischen Ärzten, Krankenkassen, Staat und der Pharma- und geräteproduzierende Industrie, die Gewinnmaximierung und nicht Heilung als Systemziel anstreben.
- Die durch dieses Modell, seine Institutionalisierung und Legitimierung geschaffenen Verhältnisse führen zu einer unbeherrschbaren Kostenexplosion im Gesundheitswesen, die zu Lasten der Betroffenen geht.