deol.de - http://www.deol.de
Epilepsie
http://www.deol.de/articles/418/1/Epilepsie/Seite1.html
Von Johann Klempner
Veröffentlicht am 03.10.08
 
Unter Epilepsie (oder Fallsucht) versteht man eine Krankheit, deren Kennzeichen eine wiederholt auftretende anfallsartige elektrische Entladung in größeren Bereichen des Gehirns mit einem vorübergehenden Ausfall von Hirnfunktionen ist.

Einführung
Unter Epilepsie (oder Fallsucht) versteht man eine Krankheit, deren Kennzeichen eine wiederholt auftretende anfallsartige elektrische Entladung in größeren Bereichen des Gehirns mit einem vorübergehenden Ausfall von Hirnfunktionen ist.

Einzeln auftretende Krampfanfälle können auch bei Nicht-Epileptikern auftreten, beispielsweise als Folge von Stress oder Erschöpfung.

Weitere Synonyme für den Begriff Epilepsie:

  • Fallsucht
  • Sankt Veits-Krankheit oder Veitstanz
  • Morbus sacer = heilige Krankheit

Anfallsformen
Generell werden zwei Anfallsformen unterschieden:

  • Grand Mal (franz. Großes Übel):
Der Grand Mal ist die bekannteste Form des epileptischen Anfalls, er geht einher mit einem Bewusstseinsverlust und einem Sturz. Er dauert meist einige, wenige Minuten, während denen der Körper des Epileptikers von schweren Muskelkonvulsionen geschüttelt wird. Anschließend erwacht der Betroffene, zumeist verwirrt und körperlich stark erschöpft.

  • Petit Mal (franz. Kleines Übel):
Der Petit Mal unterscheidet sich vom Grand Mal vor allem durch seine Dauer, meist dauert er nur Sekunden oder gar Bruchteile davon und betrifft auch meistens nur Körperpartien. Vom Petit Mal gibt es zahlreiche verschiedene Formen und Zwischenformen:

  • Propulsiv-Petit-mal
  • Retropulsiv-Petit-mal
  • Impulsives Petit mal
  • Psychomotorische Anfälle
Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal ist das zwischen einem lokalisierten, d.h. nur von begrenzten Bereichen des Gehirns ausgehenden oder generalisierten, also das gesamte Gehirn betreffenden, Krampfanfall.

Eine potenziell lebensbedrohliche Sonderform des epileptischen Anfalls (sowohl beim Grand Mal als auch beim Petit Mal) ist der Status epilepticus.


Epilepsieursachen
Nur in etwa 30 - 50 % aller Fälle lässt sich eine Ursache für Epilepsie finden. Bekannte Ursachen sind vor allem Geburtstraumata, Tumore im Gehirn, Stoffwechselerkrankungen, künstlich induzierte Schädigungen von Gehirn und Nerven (zum Beispiel bei schwerem Alkoholismus) und Narben im Gehirn beispielsweise nach Apoplex oder nach Meningitis, selten auch Vererbung.

Behandlung

Epilepsie ist bis heute nicht heilbar, aber seit der Entwicklung von valproatbasierten Arzneimitteln Anfang der 80er Jahre kann oft Anfallsfreiheit als Voraussetzung für ein "ganz normales Leben" erreicht werden.


Akutbehandlung
Ein akuter epileptischer Anfall kann nötigenfalls medikamentös unterbrochen werden, z.B. durch Gabe von Diazepam (s.u.). In der Regel ist aber kein Eingreifen nötig, und der Anfall endet (maximal) nach wenigen Minuten von selbst. Viele Epilepsiekranke empfinden es sogar als unangenehm und belastend, wenn bei einem "einfachen" Anfall der Notarzt gerufen oder gar eine Klinikeinweisung veranlasst wird. Die nötigen Hilfsmaßnahmen bestehen regelmäßig in der Verhinderung von Verletzungen (Abpolstern, Entfernen von umgebenden Gegenständen, kein Festhalten!).

Grundlegend anders ist beim Status epilepticus zu handeln. Wenn mehrere Anfälle kurz hintereinander erfolgen, sollte dringend ärztliche Hilfe angefordert werden.

Untersuchungsmethoden

  • neurologische Anamnese
  • neurologische Untersuchung
  • EEG, MEG
  • invasives EEG (zum Beispiel Streifenelektroden, Tiefenelektroden)
  • CT
  • NMR (Kernspinresonanz)
  • Videobeobachtung
  • PET
  • flumazenil PET
  • SPECT

Antiepileptika
Im Anfall:

  • Diazepam
  • Clonazepam (Rivotril®)
  • Midazolam (Dormicum®)
Zur Vorbeugung:

  • Carbamazepin (u.a. Tegretal®, Timonil®, Neurotop® retard, weitere s.u.)
  • Ethosuximid (Petnidan®, Suxilep®, Suxinutin®)
  • Mesuximid (Petinutin®)
  • Phenobarbital (Lepinal®, Luminal®)
  • Phenytoin (Epanutin®, Phenhydan®, Zentropil®)
  • Primidon (Liskantin®, Mylepsinum®, Resimatil®)
  • Sultiam (Ospolot®)
  • Valproat (u.a. Ergenyl®, Orfiril®, weitere s.u.)
  • Felbamat (Taloxa®)
  • Gabapentin (Neurontin®)
  • Lamotrigin (Lamictal®)
  • Levetiracetam (Keppra®)
  • Oxcarbazepin (Trileptal®, Timox®)
  • Tiagabin (Gabitril®)
  • Topiramat (Topamax®)
  • Vigabatrin (Sabril®)
  • Pregabalin®
Beispiele: Antikonvulsivum

Sonstige Methoden der Epilepsiebehandlung

  • Stereotaktische Ausschaltung von elektrischen Foci
  • Operative Eingriffe (nur bei schläfenlappenbasierten Formen anwendbar)
  • Verhaltenstherapie (mit oder ohne Biofeedback) kann dem Erkrankten ermöglichen, auf Vorzeichens eines Anfalls zu reagieren und diesen zu verhindern oder abzumildern
  • Experimentell: Hirnschrittmacher (Vagus-Nerv-Stimulation) erzeugen elektrische Stimuli im Gehirn, wenn der Beginn eines Anfalls erkannt wird

Geschichtliches
Da das Krankheitsbild spektakulär sein kann, sind Epileptiker im Lauf der Geschichte sowohl positiv wie negativ stigmatisiert worden. So galten Epileptiker in manchen antiken Kulturen als Heilige, da ihnen der (scheinbare) Übergang in Trancezustände so leicht fiel. Bereits rund vierhundert Jahre vor Christus schrieb jedoch der griechische Arzt Hippokrates (ca. 460 - 375 v. Chr), dass das Gehirn verantwortlich für die "Heilige Krankheit" sei. Im Mittelalter wurde ein Anfall allerdings häufig als Besessenheit interpretiert und konnte für den Betroffenen gefährliche Konsequenzen haben, wie beispielsweise einem Exorzismus. Noch heute gilt Epilepsie selbst in prinzipiell aufgeklärten Gesellschaften als "anstößige" Krankheit.

In der Zeit des Nationalsozialismus galten Epileptiker wie viele andere Behinderte als "unwertes Leben". Im Alten Rom mussten angehende Soldaten bei ihrer Musterung durch ein rotierendes Wagenrad in eine Lichtquelle (zum Beispiel die Sonne) schauen. Erlitten sie einen Anfall, wurden sie ausgemustert.

Dennoch gab es über alle Zeiten berühmte Epileptiker wie beispielsweise Alexander den Großen, Julius Cäsar oder Molière. Mit Pius IX. (1792 - 1878) gelangte ein Epileptiker sogar auf den Papststuhl, obwohl Epilepsiekranke lange Zeit als Besessene verfolgt wurden.


Recht
Leidet ein Mensch an öfter auftretenden epileptischen Anfällen und kann auch durch Behandlung nicht über mindestens 1 Jahr anfallsfrei bleiben, dann darf er kein Auto fahren oder eine Tätigkeit verrichten, die ihn selbst oder andere gefährdet. Epileptiker haben in Deutschland je nach Schwere der Erkrankung die Möglichkeit, auf Antrag einen Schwerbehindertenausweis zur Gewährung steuerlicher und beruflicher Nachteilsausgleiche zu erhalten.

Computerspiele & Medien

Je nach Anfallsform können Epileptiker nur eingeschränkt (oder gar nicht) Computerspiele spielen – insbesondere 3D-Shooter. Ausschlaggebend ist die Photosensibilität der Betroffenen, welche zu über 90% bei Patienten mit idiopathisch-generalisierter Epilepsie auftritt, selten jedoch bei der fokalen Anfallsform.

In vielen Handbüchern findet sich daher an prominenter Stelle eine Epilepsiewarnung. Bei Röhrenbildschirmen (und damit auch Röhrenfernsehgeräten, evtl. auch Kino) kann sich eine niedrige Bildwiederholfrequenz negativ auswirken. Besser sind daher Flachbildschirme. Eine ähnliche Krankheit ist die Motion Sickness; Beispiele: Simulator Sickness und Gaming Sickness.