Damit alle Fachkundigen mit den selben Worten immer die selben Körperteile bezeichnen hat sich die anatomische Nomenklatur entwickelt, die solch eine allgemeingültige Namensgebung darstellt. Seit der Antike, also seit mehr als 2.500 Jahren, versuchen sich die Menschen daran. Deswegen gibt es eine Vielzahl von Bezeichnungen für die selben Körperteile. Zusätzlich können Teile des Körpers, besonders Muskeln und mehrfach unterteilte Organe, unterschiedlich aufgeteilt werden. So wird der zum Beispiel Quadrizeps in einigen Nomenklaturen als Sammelbezeichnung für vier Muskeln definiert, während in anderen, neueren Nomenklaturen der selbe Quadrizeps als ein einziger Muskel mit vier Muskelbäuchen gilt.

Um die Varianten zu vereinheitlichen wurden mehrere Regelwerke aufgestellt. Im Zweifel ist grundsätzlich die neuere Zuordnung zu verwenden, aber gelegentlich stößt man auch auf ältere Definitionen. Die heute noch gültigen Nomenklaturen sind:

  • Basler Nomina Anatomica (BNA) von 1895
  • Jenaer Nomina Anatomica (JNA) von 1935
  • Pariser Nomina Anatomica (PNA) von 1955
Die PNA war für die vergleichende Morphologie eher ein Rückschritt, denn die Lagebezeichnungen orientieren sich (wie schon bei der BNA) wieder an der aufrechten Körperhaltung des Menschen. Für andere Säugetiere ist sie dadurch nur eingeschränkt sinnvoll. Deshalb wurde 1955 eine Arbeitsgruppe gegründet, die die Nomina Anatomica Veterinaria (NAV) erarbeitete. Sie erschien 1968 in erster Auflage, mittlerweile gilt die 4. Auflage aus dem Jahre 1994. Die veterinäranatomische Nomenklatur ist weitgehend mit der humananatomischen identisch, so dass eine gegenseitige Verständigung gesichert ist, selbst auf die Gefahr hin, dass bestimmte Namen eigentlich wenig sinnvoll sind. So ist beispielsweise der Musculus teres major (übersetzt: großer runder Muskel) zwar beim Menschen rundlich, bei den übrigen Säugetieren aber ein streifenförmiges Muskelband. Er wird aber auch bei letzteren so benannt. Lediglich bei bestimmten Lagebezeichnungen weichen NAV und PNA voneinander ab.

Für Vögel liess sich, aufgrund vieler baulicher Eigenheiten, die anatomische Nomenklatur ebenfalls nicht einfach übertragen. Daher wurde für diese Wirbeltierklasse eine eigene Nomenklatur geschaffen, die Nomina Anatomica Avium (NAA). Sie liegt seit 1993 in zweiter Auflage vor.

All diese Regelwerke legen übereinstimmend fest, dass anatomische Namen immer aus mindestens zwei Teilen bestehen, oft aus drei, manchmal sogar aus vier. Diese Teile sind nach einem einfachen System zusammengesetzt.

Als Erstes wird der Körperteil genannt, um den es geht. Das geschieht in den ersten zwei Teilen: der erste Teil nennt die Baugruppe (zum Beispiel Muskeln, Knochen, Adern, Gelenke und so weiter), der zweite Teil sagt, welche Form dieser Körperteil hat oder wo er sitzt (zum Beispiel am Oberarm, im Schädel, auf dem Rücken, an der Lunge). Wenn es in diesem Bereich mehrere Körperteile (also beispielsweise Muskeln) gibt, die gemeint sein könnten, wird noch eine Orts- oder Größenangabe (der Größte, der Vordere...) angehängt. Das ist dann der dritte und - selten - der vierte Teil der Bezeichnung.

Manche Körperteile, die im ersten Teil des Namens genannt werden, haben Abkürzungen: M. für Muskel, V. für Vene, Ln. für Lymphknoten (Lymphonodus) und dergleichen mehr. Wenn mehrere Muskeln, Venen, Lymphknoten etc. gemeint sind wird der letzte Buchstabe der Abkürzung verdoppelt: Mm. sind also "mehrere Muskeln", Vv. bedeutet "mehrere Venen", Lnn. "mehrere Lymphknoten".

Körperteile (1. Teil des Namens)
Lateinisch Kürzel Deutsch
Arteria A. Arterie (Ader, die vom Herzen weg führt)
Arcus Bogen
Caput Kopf (als Form, nicht als Schädel; zum Beispiel: Gelenkkopf)
Corpus Körper, Schaft (bei Knochen)
Crista Kamm, Vorsprung, verstärkter Rand
Ductus Gang, Röhre
Fascia bindegewebige Hülle um Muskeln
Fossa Grube, Vertiefung
Foramen Loch
Hiatus Durchtrittstelle, Spalte, Öffnung
Lamina Häutchen, Schicht
Ligamentum Lig. Band
Musculus M. Muskel (eigentlich: Mäuschen)
Nervus N. Nerv
Nodus N. Knoten
Os Knochen
Pars Teil, eins von mehreren
Plexus Geflecht
Processus Proc. Vorsprung
Radix Rad. Wurzel, Ursprung
Septum Wand, Trennung
Tendo Sehne
Tuberculum Tub. Höcker, Wulst
Vas Gefäß, Ader
Ortsangaben (2. Teil des Namens)
Lateinisch Kürzel Deutsch
abdominalis zum Bauch gehörig
brachialis am Oberarm
costalis an den Rippen
cranialis zum Schädel gehörend oder zeigend
cysticus zur Galle gehörend
dorsalis am Rücken, rückenwärts gelegen, gilt auch für Hand- und Fußrücken
femoris am Oberschenkel
hepatis an oder in der Leber
iliaca am oder im Becken
palmaris zur Handfläche gehörend
pectoris an der Brust
plantaris zur Fußsohle gehörig
pulmonalis an oder in der Lunge
renalis an oder in der Niere
thoracis am oder im Brustkorb
transversus quer verlaufend, hindurch strebend
vertebralis zu den Wirbeln gehörend
Richtungen und Größen (3. oder 4.Teil des Namens)
Lateinisch Kürzel Deutsch
anterior ant. vorderer
ascendens aufsteigend
capitis cap. zum Kopf gehörend
caudalis caud. unten, schwanzwärts
descendens absteigend
dexter dext. rechts (vom Patienten aus, nicht vom Betrachter!)
dorsalis dors. hinten, am Rücken, rückenwärts
externus ext. außen, an der Oberfläche
inferior inf. unterer
internus int. innen, im Körper
lateralis lat. seitlich, außen
longitudinalis in Längsrichtung
maximus max. der Größte
medialis med. innen, zur Mitte hin
medius mittlerer, zwischen zwei anderen
minimus min. der Kleinste
posterior post. hinterer
profundus prof. tief
sinister sin. links (vom Patienten aus, nicht vom Betrachter!)
superior sup. oberer
superficialis superf. oberflächlich
ventralis ventr. vorn, am Bauch, bauchwärts
Hinweis: Die in dieser Tabelle genannten lateinischen Bezeichnungen kommen in mehreren Formen vor, abhängig vom grammatikalischen Geschlecht des Substantivs der Wortverbindung. Oben ist nur die männliche Form genannt. So lautet die männliche Form von "links" sinistrum, die weibliche sinistra, die sächliche sinister. Für die richtige Übersetzung reicht es, wenn das gesuchte Wort dem Wort in der Tabelle bis auf die Endung gleicht. Ein kleiner Trost: Selbst viele Mediziner haben mit der lateinischen Grammatik ihre Schwierigkeiten.